Erstes Kundenprojekt mit Joomla! 1.6 realisiert

Am 10. Januar erschien Joomla! in der lange erwarteten Version 1.6, und unser Kunde wollte mit diesem CMS bereits am 15. Januar online sein. Das Timing war denkbar knapp, aber Joomla! hat uns erfreulicherweise nicht im Stich gelassen. Die Installation verlief ohne böse Überraschungen, das User Interface zur Administration wirkte aufgeräumter als bei den Vorversionen, und Joomla! hat nun auch eine gelungen einfach zu bedienende User- und Rechteverwaltung, die professionellen Ansprüchen genügt. So weit so gut. Insgesamt sind wir jedoch enttäuscht und haben das Gefühl, dass Joomla! es nicht geschafft hat, sich mit seinem größten Versionssprung seit drei Jahren überzeugend in dem Spitzenfeld der Open Source CMS (beispielsweise WordPress, Drupal, TYPO3) zu positionieren. Erste Eindrücke:

Keine Versionierung

Es fehlt Joomla! auch in der neuen Version eine Versionierung. Damit bleibt Joomla! das einzige der meistverwendeten freien CMS ohne eine Versionsverwaltung des Contents.

Keine ausreichende Kontrolle über URLs

Aus unerfindlichen Gründen erlaubt Joomla! mit Bordmitteln immer noch keine befriedigende Kontrolle über die URLs der Webseiten. Beispielsweise sind nach wie vor Unterstriche in Alias-Seitennamen nicht möglich, der RSS-Manager war nach ersten Tests nicht dazu zu überreden die SEO-URLs zu verwenden, und es lässt sich die Content-Struktur nicht immer adäquat abbilden. Auch die Google Sitemap fehlt. Schade, dass die SEO-Tools etwas vernachlässigt wurden und nicht bereits im Core von Joomla! befriedigend abgedeckt sind, denn Suchmaschinenoptimierung ist für den Erfolg einer Website unentbehrlich geworden.

Dazu ein Beispiel: In einer Website ist eine Category „Technologie“ vorgesehen, und in dieser Rubrik befindet sich zunächst nur ein einziger Artikel (beispiel.html), dem in Kürze weitere folgen sollen. Aus SEO-Gesichtspunkten („cool URLs don’t change“) würde man die URL /technologie/beispiel.html wählen. Dies zu realisieren ist uns jedoch nicht gelungen (weder per Alias noch mit dem Weblinks-Manager), ohne dass auch die (zunächst) unnötige und somit aus Usability-Sicht zu vermeidende Kategorien-Übersicht /technologie/ sichtbar gemacht würde. Mit anderen Worten: Solange die Rubrik /technologie/ im Menu-Manager nicht abgebildet wurde, erscheint die Seite beispiel.html mit der Adresse /beispiel.html, obwohl die URL /technologie/beispiel.html logisch und angebracht wäre.

Keine Social Media Integration

Tagging, Blogs oder Social Bookmarks sind in der Basisversion von Joomla! 1.6 nicht vorgesehen.

Weiterhin nur eine Frontpage möglich

Aus dem Frontpage-Konzept wurden in der Version 1.6 begrifflich die „Featured Articles“, was zu Spekulationen Anlass gab, dass es nun möglich sein sollte, mehr als nur eine Frontpage (z.B. Featured Articles auf Leitseiten von Rubriken) zu definieren. Leider mussten wir enttäuscht feststellen, dass dies wohl nicht der Fall ist, wir fanden zumindest nicht heraus wie das gehen sollte.

Kein innovatives Code-Editor Konzept

Schade ist, dass Joomla! die Bedürfnisse seiner Zielgruppen nicht richtig erkennt und mit überzeugenden Strategien Marktsegmente abdeckt. Joomla! könnte sich von seinen schwergewichtigeren Konkurrenten TYPO3 und Drupal vor allem durch intuitive Bedienbarkeit (im Front- und Backend1) abgrenzen und die Lücke zu WordPress schließen, indem man für Redakteure, die nicht über HTML-Kenntnisse verfügen, Editoren mit komfortablen Formatierungswerkzeugen bereitstellt. Dazu gehören sowohl die zeitgemäß bequeme Einbettung von Grafiken und Bildern (inklusive vergrößerter Darstellung) als auch ausreichende Möglichkeiten zur Formatierung von Text (Definition und Zuweisung semantischer CSS-Auszeichnungen wie „Bildunterschrift“, „Fußnote“ etc). Beides wurde jedoch nicht realisiert – der Funktionsumfang des TinyMCE-Editors und die Optionen zur Medieneinbettung sind eher als durchschnittlich zu bezeichnen. Andererseits gibt es derzeit auch keine Editoren bzw. Kontrollstrukturen, die für Profis mit Programmierkenntnissen eine 100%ige Kontrolle über den Content zuließen. Alle Editoren von Joomla! eliminieren hartnäckig eingebetteten Javascript-Code bzw. HTML-Kommentare2. Ohne (derzeit ohnehin noch nicht verfügbare) Extensions sind die Editoren von Joomla! 1.6 weder für Programmierprofis noch für Redakteure ohne Programmierkenntnisse so richtig befriedigend verwendbar.

Fazit

Sicher – die noch bestehenden Usability-Schwächen im Backend sind mit etwas Mehraufwand in den Griff zu bekommen, und viele der hier beschriebenen Mängel werden in den nächsten Wochen durch Extensions behoben. Da Extensions jedoch ihre Tücken haben (z.B. Sicherheitsprobleme, nicht gewährleistete Weiterentwicklung), sollten elementare Funktionalitäten eines CMS eigentlich bereits im Core abgedeckt sein. Für wen Versionierung, stringente Suchmaschinenoptimierung oder ein Blog zu den Must-Haves eines CMS gehören, der sollte genau abwägen ob Joomla! die richtige Wahl für ihn darstellt.


Fußnote 1:
Im Backend hätten wir uns gewünscht, dass endlich die gleichermaßen monströsen wie überflüssigen Riesenbuttons über Bord geworfen und stattdessen themenbasiert Deeplinks zu verschiedenen Einstellungsoptionen geboten worden wären, z.B.:

  • Einstellungen, die Editoren beeinflussen:
    • Site > Global Configuration > Site > Default Editor
    • Site > MyProfile > Editor
    • Content > Article Manager > Options > Text Filters
    • Extensions > Plugin-Manager > Editor – TinyMCE > Clean Code-Optionen
  • Einstellungen, die RSS-Feeds beeinflussen:

Fußnote 2:
Ob als Bug oder als Feature war auf die Schnelle nicht zu klären. Zur Realisierung unseres Kundenprojektes mussten wir jedenfalls Content direkt in der Datenbank überarbeiten, und es gibt keinerlei Möglichkeit, diesen Code vor den Editoren zu schützen. Wir konnten den TinyMCE-Editor trotz Deaktivierung aller „Clean Code“-Funktionen nicht dazu überreden, Javascript unangetastet zu lassen. Die beiden anderen Editoren („Codemirror“ und „None“) akzeptierten nach Deaktivierung der Textfilter-Funktionen zwar Javascript, löschen aber immer noch hartnäckig alle HTML-Kommentare.

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Marc Stenzel

Über Marc Stenzel

Marc Stenzel ist Inhaber der New Media Agentur media deluxe sowie freiberuflich als Marketing- und Projektmanager Online, Dozent und Fachjournalist (DFJV) tätig. Marc Stenzel bloggt hier über aktuelle Themen aus dem fachlichen und räumlichen Umfeld des Unternehmens - mal sachlich, mal humorvoll:
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3 Antworten zu “Erstes Kundenprojekt mit Joomla! 1.6 realisiert”

  1. Oliver sagt:

    Ich habe heute mal meine Testwiese installiert und war eigentlich vom neuen Joomla positiv überrascht…Okay ich benutze das CMS ja nur zum „Eigengebrauch“…jedoch nach lesen des Artikel hier sehe ich das Ganze auch etwas Skeptischer und vergleiche es mal ganz abrupt mit meiner WordPress Installation und muss sagen…jepp stimmt schon… Thx dafür!

  2. Falk sagt:

    Das klingt doch ganz nach dem Joomla (Mambo), das ich vor etwa 5 Jahren kurz kennenlernen musste ;) Der folgende aktuelle Sicherheitshinweis belegt ganz gut die „Qualität“ des Projektes…

    http://www.joomla.de/neuigkeiten/sicherheitsmeldungen/316-alle-joomla10-installationen-von-cross-site-scripting-betroffen.html

    • Marc Stenzel Marc Stenzel sagt:

      Hi Falk, nett, dich mal wieder zu lesen :-)

      Ich denke bezüglich Sicherheit hat Joomla! seit der Version 1.0 wirklich viele Fortschritte gemacht, und das dürfte heute kein wesentliches Kriterium mehr sein, in dem sich andere CMS klar abgrenzen.

      Ich möchte Joomla! bzw. Mambo auch nicht generell madig machen – es ist zweifellos ein gutes CMS. Während jedoch WordPress es mit der Version 3 sehr überzeugend geschafft hat, bei sehr intuitiver Bedienung sich von einem Blog-System zu einem ernst zu nehmenden CMS zu entwickeln und andererseits Drupal mit der Version 7 durch stringentere Administration die Einstiegshürde deutlich senken konnte, vermisse ich bei der Entwicklung von Joomla! eine klare Linie. Die Positionierung zwischen WordPress und Drupal hätte andere Features verlangt als die, die nun mit 1.6. vorgelegt wurden, und man fragt sich ob der Weiterentwicklung der Software überhaupt ein durchdachtes strategisches Ziel zugrunde liegt.